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Genossenschaftliches Wohnen – eine Alternative?

Posted on | Oktober 10, 2020 | Kommentare deaktiviert für Genossenschaftliches Wohnen – eine Alternative?

Zu dieser Frage hatte die Stadtteilgruppe die farbechten/die Linke profunde Kenner und Betroffene am Donnerstag, den 8.10.2020, zu einem Informationsabend und Meinungsaustausch eingeladen: mit Lothar Reininger war ein langjähriger Aktiver und exzellenter Kenner von Fallstricken und Problemen bei der Etablierung von Genossenschaftsprojekten eingeladen, außerdem konnte Imke Meyer, Vorstandsvorsitzende des Netzwerks gemeinschaftliches Wohnen, ihre Sichtweise einbringen. Das Wohnprojekt „Im Füldchen“ wurde von zwei Bewohnern, Norbert Milke und Dagmar Nord, vorgestellt.

Symbolbild Wohnen
Gemeinsames solidarisches Wohnen als Alternative zum privaten Wohnungsbau. Foto: Adobe Stock/Chinnapong

Lothar Reininger berichtete vom Selbsthilfeverein Leben und Arbeiten im Gallus und Griesheim (LAAG e.V.), der 2005 die ehemaligen Werkswohnungen von einem Investor zurückgekauft hätte, um den 100 Menschen, die damals nach Verlust der Arbeitsplätze auch die Wohnung verloren hätten, ihre Wohnungen zu erhalten. Das sei auch gelungen, alle konnten wohnen bleiben. Die Initiative hätte seinerzeit Initialzündung gehabt: Mit einem Eigenanteil von 5000 Euro sei das Startkapital zustande gekommen, Eigenleistung einkalkuliert. Junge Genossenschaften hätten aber derzeit mit mehreren Problemen gleichzeitig zu kämpfen: zum einen seien die Bodenpreise seither in einer Weise gestiegen, dass heutiges Bauen in Frankfurt nur noch hochpreisig zu realisieren sei. Gleichzeitig wirke sich das auf die Erbpacht aus, die alle 5 Jahren an die Inflation angepasst würde und zudem vom Bodenrichtwert abgeleitet sei: Dies sei ein großes Hindernis und nur durch eine politische Entscheidung, nämlich Senkung der Erbpacht auf 0.5%, zu beheben. Das andere Problem: junge Genossenschaften hätten kaum Rücklagen oder ausreichendes Startkapital. Günstige Grundstücke der Stadt seien eine Bedingung für diese Projekte, geschehe aber bisher zu Wenig. Es würde eher an Investoren verkauft. Reininger erwähnte auch das Konzept des Mietersyndikats, das sich mit Hilfe von sogenannten „nachrangigen Krediten“ finanziere, wobei an Gemeinschaftlichem Wohnen interessierte Kreditgeber das Risiko der Finanzierung tragen.

Dennoch, so Imke Meyer, gebe es über 90, davon 30 realisierte Projekte gemeinschaftliches Wohnen in Frankfurt. Weil es ein Bedürfnis nach alternativen und tragfähigen Wohnen in einer alternden Gesellschaft gebe, sei das Interesse gewachsen. Bedingung für eine Bewerbung um günstige Grundstücke ist ein Konzept für ein Miteinander im Wohnprojekt und in der Ausstrahlung auf den Stadtteil. Imke Meyer verwies u.a. auf den Baulandbeschluss der Stadt Frankfurt, der einem Investor abverlangt, bei Bauvorhaben 15% der Liegenschaften dem gemeinschaftlichen und genossenschaftlichen Wohnen zur Verfügung zu stellen. Sie erwartet, dass dieser Beschluss zukünftig realisiert wird. Offen sei allerdings, welchen Bestand dieser Baulandbeschluss nach den Kommunalwahlen im März 2021 hätte angesichts der Erfahrungen mit den Grünen: diese haben in der Vergangenheit in großem Stile – Reininger nannte die Größe von einer Milliarde – städtischen Grund und Boden privatisiert und in sogenannten PPP-Projekten Investoreninteressen den Vorrang vor gemeinschaftlichen Interessen gegeben.

Das Projekt „Im Füldchen“ (Gemeinsam am Brentanopark e.V.) stellte sich mit einem kleinen Film vor: 16 Wohnungen, von der ABG gemietet, und eine 17. Gemeinschaftswohnung, die von allen bezahlt würde, bilden den Grundstock des gemeinschaftlichen Wohnens. Es sei durch Verhandlungen gelungen, gemeinschaftlich einzuziehen und einen Kooperationsvertrag für mögliche Mieterwechsel abzuschließen. Die Kaltmiete ist mit 11.70 € für Neubau- Wohnungen „normal“, der Aufzug koste auch, die Gemeinschaftswohnung ermögliche ein vielfältiges gemeinsames und kreatives Zusammenleben, zurzeit allerdings durch die Pandemie nur sehr eingeschränkt. Mit dem Projekt hätten sich langjährige Bemühungen um gemeinschaftliches Wohnen pragmatisch realisieren lassen. Dass hier kein Neubauprojekt entwickelt wurde, bedeute, dass die Mieter die Wohnungen so nehmen, wie die ABG sie baut, andererseits wurde der Traum von gemeinschaftlichem Wohnen schneller Realität. Deutlich wurde, dass dies zwar den Wunsch nach gemeinschaftlichem Wohnen erfüllt, aber keine Strategie für preiswertes Wohnen darstellen könne.

Aufgrund von Corona war die Veranstaltung nur intern angekündigt worden, die Zahl der Anwesenden musste beschränkt bleiben. Für die ZuhörerInnen war der Abend sehr aufschlussreich. Eine Konsequenz aus den Beiträgen war, dass gemeinschaftliches Wohnen den Sozialen Wohnungsbau nicht ersetzen könne, dass aber die städtischen Wohnungsbaugesellschaften mit ihrer Kapitalkraft sehr viel aktiver derartige Projekte stützen und fördern könnten. Auch traditionelle Genossenschaften, die inzwischen zusammengeschlossen in Frankfurt 12.100 Wohnungen gemeinnützig, d.h. nicht gewinnorientiert bewirtschaften, sollten ein größeres politisches und gesellschaftliches Gewicht haben.

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